Beisetzung im Sturmtief

Es ist saukalt. Draußen tobt ein Schneesturm im Stadium zwischen klatschnassen Flocken und prallen Tropfen. Wir sitzen in der glücklicherweise beheizten Kapelle. Zur Trauerfeier wird die wunderbar warme Luft pustende Heizung abgestellt. Ganz langsam kann sich unser Körper während der Andacht temperaturmäßig auf den Gang zum Grab einstellen. Wir sind sehr traurig und werden den Verstorbenen arg vermissen. Seine Gattin ist völlig fertig. „Der schlimmste Tag meines Lebens“, stellt sie fest und das ist kein Ausdruck einer momentanen Stimmung. Im Wissen darum gestalten ihre Kinder und Enkelkinder im Anschluss für ihre Mutter und viele, viele Gäste ein Kaffeetrinken mit Musikstücken, Vorträgen, Liedern und Andachten. Das richtet sie sichtlich auf. Ich staune immer wieder über die aufbauende Wirkung solcher „Nachfeiern“, die Menschen aus dem unendlichen Gefühlstief des Begräbnisses herausholen und im „Stimmungskeller“ stabilisieren können. - Vor unserem Hotel treffen sich seltsame Menschen in Schaftstiefeln, weißen Hosen, rotem Frack mit Degen und Schießgewehr sowie einem Kölsch in der Hand. Wir benutzen lieber den Hintereingang. Es ist Weiberfastnacht und irgendein Dreigestirn samt Anhang tafelt in unserem Hotel, erfahren wir später. Karneval ist für Norddeutsche wie Labskaus für Kölner. Das Interesse hält sich meist in Grenzen. Alaaf oder so.
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