Luxusleben
18.05.16 21:36 201692016
Der Tag der Gegensätze - konträrer geht es kaum und ich bin fertig. Nicht körperlich, sondern geistig. Gegen Mittag erfahre ich meine erste komplette Fußpflege, nicht nur die Beseitigung gewisser Wachstumsfehlentwicklungen bei zwei Nägeln, nein, die ganze Nummer bis zum Eincremen meiner Läuferchen. Welch ein unverschämter Luxus - aber mit absolutem Wohlfühleffekt. Und abends höre ich einen Vortrag eines Chefs der Märtyrerkirche über die Verfolgung, die quälende Not meiner christlichen Geschwister in der ganzen Welt, ihren unerschütterlichen Glaubensmut und ihr imposantes Vertrauen auf Jesus, auf Gott. Ich sitze im Sessel und lasse meine Füße umhegen und ein paar hundert oder tausend Kilometer weiter steht ein Mitchrist vor den Trümmern seiner Existenz, seiner zerstörten Kirche oder der Verweigerung von ärztlicher Hilfe nur weil er den „falschen“, den christlichen, Glauben hat. Selten wurde mir die Abgehobenheit meines Alltags, meines Glaubens, ja, sogar meiner Lebensinhalte (oder gar meiner Glaubensinhalte?) vor Augen geführt. In genau dieser Stimmung nur mit noch viel intensiverer Bedrängnis durch eine ihre Seele fressende innere Leere muss sich Florence Nightingale gefühlt haben bevor sie zum Engel für Kriegsopfer, zur Vorkämpferin für eine Lazarett-, resp. Krankenhaushygiene wurde. Das Leid der Menschen hat sie aus ihrem goldenen Käfig herausgetrieben und sie zur tat- und wortkräftigen Hilfe „genötigt“. Diese Empfindungen lassen in mir die zeitliche Distanz zu Florence schwinden und füllen meine Mühe um ein anschauliches Lebensbild dieser Frau mit tiefem Verständnis, sogar mit Zuneigung zu ihrem ansonsten wohl recht spröden Charakter. Was soll ich nun daraus lernen?
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